Jetzt ist schon wieder was passiert …

… und ob Du es glaubst oder nicht, gerade im idyllischen Gailtal, wo Du denkst Berge, Wälder, saftige Almen – quasi Seelenfrieden. So würde ich ja sagen, dass die Menschen vom Land fröhlicher und entspannter sind, als die hektischen Städtler, aber so wie der Ricardo da im Grünsee mit dem Gesicht im Wasser treibt, hat das gar nicht entspannt ausgesehen. Jetzt musst Du wissen, der Ricardo war eigentlich kein Italiener und für Wasser hatte der auch nichts übrig. Der war mehr in Fels und Höhen zu hause. Dabei hat er das Unglück sicher geahnt, aber dass es gerade ihn treffen sollte, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Wer weiß was passiert wäre, hätte er es anders gemacht. Dabei sage ich immer – Koch, bleib bei dem G’schirr! Und Ricardo hätte die Finger vom Geschirr lassen sollen. Besser wäre es gewesen, hätte er die Stellung bei der Gendarmerie nicht aufgegeben. Das zeigt wieder, dass ein paar wenige Entscheidungen Dein ganzes Leben beeinflussen, dass Du denkst, dass es gut wäre, weniger Zeit an unwichtigen Entscheidungen zu verschwenden um dich mehr auf die wichtigen zu konzentrieren, weil wenn Du dort einmal falsch liegst, dann kein Zurück, quasi Sackgasse, wenn man nicht an Wiedergeburt glauben will.

Zu allererst musst du wissen hat alles ganz unkompliziert begonnen – ein paar Italiener wollten auf den Wolayer See und Ricardo war der Bergführer. Das sind jetzt nicht diese Italiener gewesen, die sich mit Körben bewaffnet auf die steilen Almen stürzen und sich in dichten Wäldern verlaufen um Preiselbeeren und Schwammerl zu jagen, also die man also sonst immer trifft. Die waren mehr Flachländer als ein durchschnittlicher Burgenländer und der Ricardo hat schon befürchtet, dass er wieder die Bergrettung zur Hilfe rufen muß, denn obwohl Ricardo dem einem glatzköpfigen Italiener auf Englisch erklärte, dass das Wetter für die Tour morgen nicht optimal wäre, bestanden diese Flachländer weiterhin auf die Tour.

Diese Italiener mit bergsteigerischen Ambitionen musst Du wissen sind ein wenig anstrengend. Aber da er nun mal beim Würfeln gegen dem Münzi verloren hat, muß er sich jetzt mit den Plapperazzis herumgfrett’n – so heißen die Italienischen mit bergsteigerischen du weißt schon. Und jetzt paß auf – Ob du es nun glaubst oder nicht, so schnell wie ein Paparazzi einen Film verknippst, erzählt Dir der Italiener die Entstehungsgeschichte von Italien, du weißt schon die lange Fassung mit Namen und Jahreszahlen und so. Das stell Dir mal am Berg vor – Du musst Dich orientieren, die Gruppe da sicher hinaufbringen & auf das Wetter aufpassen & da raubt Dir so ein G’stauchter mit Halbglatze die Luft zum Atmen & das in einem so schlechtem Englisch, dass sich Deine Ohren einrollen. Jetzt musst Du wissen, Luft ist ja nicht unbedingt reichlich auf so hohen Bergen & da kann es schon mal passieren, dass der Bergführer nicht aufpasst und der Italiener sich nicht nur verredet sondern auch noch einen Hechtler ins Steinbeet macht. Jetzt fragst Du Dich wahrscheinlich was mit Steinbeet gemeint is – naja ein Flachwurzler, so heißen die Talbewohner, die beißen ins Gras und der Alpinist, der mehr in der Vertikalen unterwegs ist, beißt ins Steinbeet. Beides ist nicht umsonst, wobei der Tod am Berg natürlich viel heroischer als im Badeteich zu ertrinken. Weil da musst Du wissen haben die Österreicher Ihre mystischen, unbarmherzigen Götter, wie den Dachstein, die Wildspitze oder den Sonnblick – jeder der da am Berg umkommt & wenn der nur zu viel Schnaps auf der Aignerhütt’n getrunken hat und tot umfällt, ist er schon ein Held, der Tribut für den Berg quasi. Während der Ricardo seine Sauerstoffflaschen und Ohropax fein säuberlich vorbereitet, klingelt sein Handy.

Da muß man schon sagen, was hätte man vor 20 Jahren noch für einen Aufwand treiben müssen, um sich mit seiner Ex-Frau so zu streiten, denn Festnetz sündteuer und von Mobilfunk noch keine Spur. Aber Ricardo hat sich das nicht mehr sehr zu Herzen genommen – quasi Lebensabschnitt abgehackt.

Seitdem er dem Job bei der Polizei den Rücken gekehrt hat und als Bergführer in der Bergschule in Mauthen arbeitet, scheint er sich bedeutend wohler zu fühlen – Wenn er den Schritt vielleicht früher gemacht hätte, wäre seine Ehe auch nicht in die Brüche gegangen & der Zank um Sorgerecht, Haus und so, wäre auch nicht notwendig gewesen. Dabei muß ich schon sagen, da schaun die Gerichte schon drauf, dass die Frauen die Kinder bekommen und der Mann vermögend bleibt – quasi soziales Netz für alle.

Aber trotzdem scheint Ricardo da ein Funken Nostalgie vom abgeschlossenen Lebensabschnitt übergesprungen zu sein, denn er ließ das Packen und Vorbereiten sein und griff nochmal zum Handy und wählte seinen Kollegen Münzi an. Und ob Du es glaubst oder nicht, fünf Minuten später sind die beiden Bergführer und Bergretter schon beim Postwirten gesessen und haben das zweite Bier getrunken. Quasi alter Bergsteigerbrauch – vor jeder Tour, die schon in der Vorbereitung nichts Gutes verspricht, gönnst du dir am Vorabend lieber ein paar Bier mehr, denn Du weißt ja nie, ob Du nicht der nächste bist, der einen Hechtler macht.

Hätte Ricardo geahnt, was ihm diese Itaka da einbrocken, wär er besser bei der Gendarmarie geblieben, weil ruhige Kugel, entspannte Herzmuskeln und Beamtenpension – quasi österreichisches Seelenheil. Du mußt wissen, was für den Buddhisten das Nirwana, ist dem Österreicher die Beamtenpension. Bei den Buddhisten ist ja alles Lebendige heilig, ganz besonders die Kühe. Aber auch das mit den Kühen ist in Österreich anders – die sind gar nicht so heilig auf den heimischen Almen – ob das an der farbenprächtigen, neumodischen Bergmode oder dem der Städter mitgebrachten unterschwelligen Aggressionspotential liegt? Da mußt Du denken , Du streifst grasend über die saftig grüne Alm, zermalmst zufrieden ein paar Kräuter und aus dem Nichts kommen Dir vier Männer in knalliger Kleidung entgegen gelaufen – einer vertieft auf seine überproportionale Armbanduhr, die wie wild zum Piepsen angefangen hat. Ein anderer sticht bei jedem Schritt abwechselnd rechts, dann wieder links seine Teleskopstecken in den weichen Almboden, als wäre es jeweils der letzte Stich, der dem Opfer die Erlösung herbeibringen soll. Dahinter trottend der Ricardo, der schon ein wenig bereut, dass er sich auf diese Italiener eingelassen hat. Du mußt wissen, dass Ricardos Großeltern mütterlicherseits aus Umbrien stammen, aber sprachlich jetzt Barriere, weil die Eltern von Italien nichts mehr wissen wollten. Aber vielleicht ist es ja auch besser so, da kommst Du nicht in die Not Dich rechtfertigen zu müssen. Trotzdem kommt Ricardo das Treiben seiner Kunden ausgesprochen spanisch vor.

tbc …